Friedpark: Jerusalems- und Neue Kirche, Friedhof III
  Gedächtnisstätte

Dr. phil. Wolfgang Harich

geboren am: 09.12.1923
gestorben am: 15.03.1995

 

Philosoph, Publizist
 

Wolfgang Harich, in Königsberg/Ostpreußen als Sohn des Literaturhistorikers und Schriftstellers Walther Harich geboren, in Wuthenow bei Neuruppin aufgewachsen, kann als einer der bedeutendsten kommunistischen Intellektuellen der Nachkriegszeit gelten - die Meinungen über ihn gehen weit auseinander.
Als bekennender Marxist und allzeit streitbarer Philosoph, enfant terriblé der Kulturszene im Nachkriegs-Berlin, als Querdenker und ungeliebter Systemkritiker in der DDR war er von eindrucksvoller Vielseitigkeit und leistete – häufig gleichzeitig – als Journalist, Verlagslektor, Hochschullehrer, Literaturwissenschaftler, Ökologe und Politiker dabei oft Außerordentliches. In seinem Wirken wird die konfliktbeladenen Geschichte des marxistischen Denkens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschaulich.

Vom Wehrdienst 1944 desertiert, engagierte sich Harich in kommunistischen Widerstandsgruppen, trat 1945 in die KPD, dann in die SED ein. Er studierte Philosophie und Literatur an der Humboldt-Universität, promovierte 1951 über Herder zum Dr. phil., arbeitete als Literaturkritiker u.a. bei der „Täglichen Rundschau“ und knüpfte Beziehungen zu Brecht, Ernst Bloch und Georg Lukács. Anschließend lehrte er an der Humboldt-Universität Geschichte der Philosophie, war daneben Lektor und Cheflektor im Aufbau-Verlag und gründete 1953 u.a. mit Bloch die „Deutsche Zeitschrift für Philosophie“.
Mit anderen forderte er die Entstalinisierung, trat für einen „menschlichen Sozialismus“ als sogenannten „Dritten Weg“ ein und verfasste 1956 eine „Plattform über den besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“. Dies führte kurz nach dem Ungarn-Aufstand zu seiner Verhaftung und Verurteilung zu zehn Jahren Gefängnis. 1964 amnestiert, arbeitete er als freier Wissenschaftler und Lektor, besorgte die Feuerbach-Gesamtausgabe und forschte zu Jean Paul. 1965 heiratete er die Chansonette Gisela May.
Er widmete sich zunehmend der ökologisch fundierten Zukunftsforschung, bereiste 1979-81 einige europäische Länder und engagierte sich in der BRD in der Umweltschutz- und Friedensbewegung. Zurück in der DDR, warb er für die Rezeption des Ontologen Nicolai Hartmann und trat schließlich seit 1991 vehement für eine gerechte und ausgewogene Betrachtung der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte ein.
Harich wurde im März 1990 vom Obersten Gericht der DDR rehabilitiert.

Harich hinterlässt ein umfangreiches und weit verstreutes Werk, darunter „Heinrich Heine und das Schulgeheimnis der deutschen Philosophie“, 1956; „Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der Club of Rome“, 1975; die autobiografischen Texte „Ahnenpaß“, 1972 und „Keine Schwierigkeiten mit der Wahrheit“, 1993.
Grablage: Abt. 4/2